|
Vorrang genoß ein anderer Aspekt:
Beifall von drüben war B.B. suspekt
Heinz Kahlau? Kein raunender Prophet
Gedankenlyrik wirkt wie punktgenau genäht
Die Liebe hat er kenntnisreich bedichtet
Problembeladenheit wird stark gewichtet
Aber ist nach Auschwitz dichten nicht barbarisch?
Ja, es sei denn, man tut es exemplarisch
Kipphardts »Bäder« zeigen auf
Todesmächte gibt es noch zuhauf
Auch das Umwelt-Thema bricht sich lyrisch Bahn
Genauso wie die Warnung vor dem atomaren Wahn
Mickels »Friedensfeier« klingt im Stil
Wie jener Abend als die Mauer fiel
Sind denn Gedichte massenkompatibel?
Sie fordern ja, man sei sensibel
Songtexte sind ein anderer Stall
Musik spielt dort den ersten Ball
Biermanns Lieder firmieren als Gedichte
Führt uns da wer hinter die Fichte?
»Ermutigung« sang man im Knast
Hier hat es wohl nicht reingepaßt
Fürnbergs Lied der Partei blieb uns erspart
Dergleichen Werke waren wirklich hart
Die meisten Seiten sind halbleer
In diesem Fall ist weniger mehr
Tippfehler aber schänden den Verlag
War es beim Korrigieren Tag?
Gedichte lesen geht geschwinde
Wie rätselhaft man sie auch finde
Das Dichten stand im Osten jedem frei
Nur was gedruckt wird, sagte »die Partei«
Gedrucktsein hieß des Dichters Ziel
Ein Buch galt da im Volk noch viel
Eingreifen wollten manche Reimer
Nicht nur Parteipoeten waren Schleimer
Schaschlyk, Karpfen, Kaffeebohnen
Kulinarisch dichten muß sich lohnen
Broiler beklagen kann nur eine Frau
Das grausige Schmausen schildert sie genau
Neunundfünfzig Dichter eint das Buch
Wer nicht vertreten ist, sieht es als Fluch
Westlesern wird gesagt: Dies hier ist Erbe
Ist deutsche Literatur, für die man werbe
Deutsch ist diese Dichtung allemal
Noch deutscher wäre doch fatal
|