Herr Dr. Pflugbeil, von der DDR ist nicht nur Sandmännchen und Grünpfeil geblieben, sondern auch Atommüll. Anders als Sandmännchen und Grünpfeil wird der Atommüll noch in Jahrtausenden da sein. Grund genug für die Frage: Um was für Atommüll handelt es sich und wo ist er im Moment?
Niedrig- und mittelaktiver Atommüll im Endlager für radioaktive Abfälle Morsleben (ERAM). Morsleben säuft auch ab, ist der gleiche Salzstock wie Gorleben. Als Angela Merkel Bundesumweltministerin war, hat sie die Umweltministerin von Sachsen-Anhalt angewiesen, die bereits geschlossene Anlage wieder zu öffnen. Dann wurden in 4 Jahren knapp doppelt soviel Atommüll aus westdeutschen Kernkraftwerken in das ERAM gebracht wie in der ganzen DDR-Zeit (cf. Der Spiegel, 43/2008).
War die DDR-Betriebsgenehmigung falsch?
Die Genehmigung war problematisch, weil schon seit den 60er Jahren bekannt war, daß dort mit Wasser zu rechnen sein wird. Merkel hat sich dann völlig über die DDR-Genehmigung hinweggesetzt und mehr einlagern lassen und das auch an nicht genehmigten Stellen des Bergwerks.
Lagert im Gegenzug auch Ost-Atommüll im Westen?
Natürlich nicht.
Oder muß der Osten West-Atommüll schlucken, weil er auch West-Atomstrom bezieht?
Nein.
Durch den Ministermantel unter Modrow konnten Sie hochgeheime Unterlagen über die Kernkraftwerke (KKW) in der DDR einsehen und kopieren. Darauf fußte ein Gutachten, das die Abschaltung der KKW erzwang. Kann man den vollständigen Text irgendwo nachlesen? Ist auch das kopierte Material veröffentlicht?
Das Gutachten und das kopierte Material sind noch nicht veröffentlicht. Vielleicht mach ich das im kommenden Jahr.
Welche DDR-Minister und -Behörden genau haben 1990 die Abschaltung der KKW verfügt? Warum gelang den Atomleuten kein Hinhalten und Verschleppen?
Die Blöcke sind nach und nach abgeschaltet worden. Der Abschaltbefehl kam nicht von mir. Wer genau den Beschluß gefaßt und durchgesetzt hat, weiß ich nicht. Verschleppen ging angesichts der bekannten Geheimgutachten nicht. Siemens hat das aber versucht. Siemens wollte am Beispiel des KKW Greifswald zeigen, daß sie in der Lage sind, diese russischen Reaktoren zu modernisieren - um dann entsprechende Aufträge auch in den anderen Oststaaten zu bekommen. Das ging dann aber auch nicht mehr.
Wären die DDR-KKW nach dem Beitritt nicht sowieso sofort abgeschaltet worden, weil sie den bundesdeutschen Sicherheitsstandards nicht entsprachen?
Wer weiß. Es wurde durchaus überlegt, auf dem Gelände des KKW Greifswald neue Reaktorblöcke zu bauen. Das fand aber nicht statt.
Da in Ostdeutschland schon fast 20 Jahre keine KKW mehr in Betrieb sind, was kann der Westen hier vom Osten lernen?
Alle Informationen über den Sicherheitszustand solch gefährlicher Anlagen müssen öffentlich zugänglich sein - ganz normal ohne Gerichtsbeschluß. Wenn die westdeutschen Berichte bekannt wären, gäbe es mit Sicherheit keine KKW mehr in Deutschland. Die KKW-Fachleute dürfen auch kein berufliches Schweigegebot aufgedrückt bekommen. Sie brauchen staatlichen Schutz, wenn sie aus der Schule plaudern.
Man kann auch lernen, daß sehr schnell Alternativen geschaffen werden können, wenn ein KKW abgeschaltet wird. Heute tagt die Reaktorsicherheitskommission hinter verschlossenen Türen, die Mitglieder dürfen über die Sitzungen nichts erzählen. Das Gleiche gilt für die Strahlenschutzkommission. Da die Probleme alle Bürger etwas angehen, muß das öffentlich geschehen, die Protokolle müssen einsehbar sein. Wünschen würde ich mir auch, daß Mitarbeiter in diesen Bereichen, die Unwahrheiten verbreiten, scharfe Strafen aufgebrummt bekommen.
Ich weiß es nicht, weiß auch nicht, was schlimmer wäre. Sie kam mehrfach zu kuriosen Einschätzungen: Z.B. war sie im Februar 1996, also 10 Jahre nach Tschernobyl dort. Ihr Kommentar: »robuste sowjetische Technik, ... Fortschritte in der Sicherheitstechnik, ... Der Kampf gegen genehmigte Kernkraftanlagen in der BRD stellt eines der größten Gefahrenmomente dar, weil sie viele Kapazitäten bindet, um die Rechtslage zu garantieren. Diese Kapazitäten fehlen bei der Vorsorge.«
Die Logik des technischen »Fortschritts« ist, daß Opfer finanziell »entschädigt« werden. Im Straßenverkehr ist diese Methodik etabliert: Jahr für Jahr werden in Deutschland bei sg. Verkehrsunfällen Tausende Menschen getötet und Hunderttausende verletzt. Hinterbliebene und Opfer erhalten »ein hübsches Sümmchen«. Warum sollte es da plötzlich verboten sein, wenn jährlich auch ein paar Tausend durch Atomunfälle getötet und Hunderttausende verstrahlt werden - sofern dafür gezahlt wird? Warum soll Kraftwerken verwehrt sein, was Kraftwagen erlaubt ist?
Das müßte man dann aber mal zur Diskussion stellen. Erst zugestehen, daß es tatsächlich Opfer gibt und dann die Frage stellen, ob die Bevölkerung bereit ist, diesen Preis zu zahlen. Theoretisch bekommen beruflich Strahlengeschädigte eine Rentenerhöhung und Entschädiigung - praktisch wird das jedoch meist abgelehnt. Der Nachweis der Strahlenbelastung ist faktisch unmöglich.
Bei Robert Jungk ist zu lesen, daß Atomgegner mit allem rechnen müssen: z.B. Manipulation am Auto, radioaktive Kontamination der Kleidung (Der Atom-Staat, S. 101ff). Sie haben berichtet, daß Ihnen Mitarbeiter des Kernkraftwerks Greifswald noch Jahre später mit der geballten Faust drohten. Ist es bei Drohungen geblieben? Sind Sie bei Ihrem Engagement auf der Hut?
Es gab keine Schlägerei. Wenn ich heute Angst haben würde, dann nicht vor den KKW-Arbeitern oder Uranbergleuten, sondern vor Beamten, Winkeladvokaten und Geheimdiensten.
Sie schrieben: »Ich bin davon überzeugt, daß eine Offenlegung aller geheimgehaltenen Berichte über Sicherheitsprobleme bei den deutschen Kernkraftwerken, über Strahlenrisiken und Strahlenschäden und die Verletzbarkeit von kerntechnischen Anlagen durch Terror und Krieg zu einem blitzartigen Ausstieg aus der Kernenergienutzung führen würde.« An was für Berichte denken Sie da?
Es gibt z.B. eine bis heute geheimgehaltene Untersuchung zu der Frage, ob die einzelnen KKW einen Terrorangriff mit einem Flugzeug aushalten. Die Mehrzahl der deutschen KKW würde zerstört werden.
Muß nicht erst »etwas passieren«, bevor auf einmal alle schon immer für den sofortigen Ausstieg gewesen sind?
Wahrscheinlich haben Sie recht.
Emil Cioran notierte 1969: »Man kann gewiß sein, daß das 21. Jahrhundert, das weit fortgeschrittener sein wird als das unsere, in Hitler und Stalin harmlose Sängerknaben sehen wird.« (Werke, S. 1447) Schwarzseherei? Oder nur das, was der Menschheit bspw. durch nukleare Anarchie blüht?
Vorstellbar, nach einer Atomkatastrophe sehr wahrscheinlich zutreffend.
Ist angesichts der ungeheuerlichen Folgen nicht jeder Atomindustrie-Staat ein Unrechtsstaat - also auch die DDR, also auch die BRD?
Richtig.
Die Fragen stellte Fabian Tweder im Oktobber 2009. Kommentieren