Deutscher Demokratischer Ruhm
VON FABIAN TWEDER
Eigentlich bietet das Thema »Was von der DDR blieb« genügend Stoff für ein ganzes Buch. Aber Franziska Kleiner, der Herausgeberin, erschien das offenbar nicht interessant genug oder zu arbeitsaufwendig. Deshalb geht es nur im ersten Kapitel um das, was der Buchtitel verspricht. Dieses Kapitel ist der Einfachheit halber, wen wundert es, ebenfalls mit »Was von der DDR blieb« überschrieben.
Die anderen beiden Kapitel heißen »Die DDR unterwegs« und »Die DDR ist überall«. Darin schwelgt die Herausgeberin in allerlei Errungenschaften und Kuriositäten, die eigentlich längst vergessen sind und höchstens zeigen, daß die DDR keineswegs ein »Land bar jeden Talents« war. Darunter bspw. 13 Seiten DDR-Filmwochen irgendwo in der weiten Welt, 7 Seiten Gastspielreisen des Deutschen Theaters, 6 Seiten Einsätze von FDJ-Freundschaftsbrigaden, drei Seiten mit albernen Orden, die Erich Honecker irgendwann einmal aus dem Ausland einheimste, drei Seiten wie »Deutsche Demokratische Republik« in allen erdenklichen Sprachen buchstabiert wird, der Freundschaftsvertrag mit Angola (»die Hohen Vertragsschließenden Seiten«). »Geblieben« sind diese Dinge sicher nicht - wenn man darunter nicht alles versteht, was einmal gewesen oder passiert ist.
Unter »blieb« werden im ersten Kapitel jedenfalls Dinge eingeordnet, die im praktischen Leben der Menschen tatsächlich heute noch eine Rolle spielen. Wie z.B. Ostprodukte, die hier und jetzt im Laden gekauft werden können, Straßen, die ihren Namen behalten haben, Betriebe, die weiterhin erfolgreich produzieren, Orchester, Wandfriese, Städtepartnerschaften, Talsperren, Erholungsgebiete, Plattenbausiedlungen, Volkssolidarität. Wurde im zweiten und dritten Kapitel dann einfach das Material verwurstet, das ins DDR-Sammelsurium nicht mehr reinpaßte?
Nach den »Spuren« zu suchen, die die DDR hinterlassen hat, das nahm sich die Herausgeberin vor. Zugleich verneint sie den »Anspruch auf Vollständigkeit«. Warum das? Bei Beschränkung auf das Kernthema hätte das Buch wirklich ein umfassendes und zumindest nahezu vollständiges Bild dessen bieten können, was von der DDR blieb. Dann bräuchte Ludwig Güttler nicht unter den Tisch zu fallen, der als Trompetenvirtuose auch heute noch weltweit begeistert. Oder Helmut Koch und Johannes Ernst Köhler, deren großartige Händel-Einspielungen auf CD zu haben, also »geblieben« sind. Und Peter Schreier hat weiß Gott nicht nur mit Weihnachtsliedern brilliert. Dieser herausragende Tenor (und Dirigent) verdiente weit mehr als einen kargen Absatz. Was will man denn Leuten wie Hubertus Knabe entgegenhalten, die sagen: »Wolf Biermann und seine Lieder , das ist
das einzige, was von der DDR wirklich großartig war.« Medaillen für Honecker, T34-Panzer für Mosambik oder Angela Merkel für die BRD?
Statt was von der DDR blieb, könnte die Frage auch lauten, was von der DDR bleiben sollte. Gerade von den Dingen, die erst einmal nicht geblieben sind. Von Stefan Heym stammt nämlich nicht nur der Satz: »Die DDR wird nichts sein als eine Fußnote in der Weltgeschichte«, auf den sich Kleiner fatalerweise bezieht. 1994 stellte Heym als Alterspräsident des Bundestages auch die Frage: »Gibt es nicht auch Erfahrungen aus dem Leben der früheren DDR, die für die gemeinsame Zukunft Deutschlands zu übernehmen sich ebenfalls lohnte?« Um diese anspruchsvolle Frage zu beantworten, bedarf es freilich eines klaren Urteilsvermögens. Daran gebricht es Franziska Kleiner aber offenkundig. Wie sonst ist zu erklären, daß sie den mit vielen Sicherheitsproblemen behafteten Grünpfeil preist, nur weil er in der DDR erfunden und von der DDR in die BRD übernommen wurde? Als ob das das einzige Kriterium wäre. Daß die Herausgeberin nicht weiß, wovon sie redet, zeigt sich schon daran, daß sie den »Grünpfeil« mit dem »Grünen Pfeil« durcheinanderbringt.
Der heutige »Grünpfeil« hieß in der DDR »Grüner Pfeil«. Der heutige »Grüne Pfeil« befindet sich in der Scheibe des grünen Ampellichtes. Anders als die nicht leuchtende Ergänzung an der Lichtzeichenanlage, das Verkehrszeichen 720, der »Grünpfeil«. Da der Grünpfeil den Fußverkehr gefährdet, insbesondere Kinder, Alte und Behinderte, und die angeblichen Vorteile fragwürdig sind, gehört er abgeschafft - DDR hin oder her. Statt dessen sollte die Null-Promille-Regelung für Autofahrer von der DDR kopiert werden. Weil Leben und Gesundheit von Menschen schwerer wiegen als die Umsätze von Brauereien und Schankwirten.
»Plast der Republik«, »Peter Schreier singt Weihnachtsleider«, »Bach-Arciv«, »!967«. Kein Zweifel, die große Akribie der DDR-Verlage bei der Textkorrektur, sie ist nicht geblieben - leider.
|