Die Arbeitskraft bin ich
VON FABIAN TWEDER
Wenn Westler ein Buch über den Osten schreiben, ist Vorsicht geboten. Schließlich schreibt da quasi ein Eskimo über die Sahara. Daher - warum sonst? - hat sich Friedrich Thießen, aus der Alt-BRD eingeflogener Finanzprofessor an der TU Chemnitz, mit der Rolle des Herausgebers begnügt. Er läßt 50 Zeitzeugen - Verkaufsstellenleiterin bis Kombinatsdirektor - zu Wort kommen, die »über ihre täglichen Erlebnisse in den Betrieben der DDR erzählen«: von nacherfundenen Westprodukten und vom SKET-Prinzip (»Sehen, Kaufen, Einlagern, Tauschen«), über den legendären Ost-Personalcomputer PC A5120, der als »Parteitagsobjekt« Furore machte, über ein Verlagswesen zwischen Papiermangel und Zensur.
Planwirtschaft war »Mangelwirtschaft«. Es galt, aus Abfall Bonbons zu basteln: Akkordeonbälge aus alten Zementsäcken, Ananas fürs Theater aus Pappe und Pudding. Es gab aber auch diese und jene »Erfolgsstory«: Etwa DDR-Gewächshausgurken, die prächtig auf Strohballen gediehen. Oder die standardisierte Zahnbürste Mukodent, welche von der VVB Musikinstrumente und Kulturwaren flächendeckend für das gesamte DDR-Volk gefertigt wurde - durch die riesigen Stückzahlen war die Produktion billig wie nie.
Nicht weniger skurril der Tauschhandel mit Restaurantplätzen: »Beliebt war z.B. Rauhfasertapete«, so berichtet ein Kellner. »Plätze wurden jedoch eher gegen Bargeld vergeben, ganz einfach, weil die Rauhfasertapete nicht so einfach im Restaurant übergeben werden konnte. Wenn eine Autowerkstatt anrief und einen Tisch haben wollte, dann konnte man aber natürlich gleich einen Termin für die nächste Autoreparatur vereinbaren oder Winterreifen bestellen.«
Sahnetorte für Motorfreaks: Trabbi-Chefkonstrukteur Werner Lang und Duroplast-Erfinder Wolfgang Barthel gewähren einen Blick hinter die Kulissen der Zwickauer PKW-Fabrikation. Die Tüftler hatten 1967 den Super-Trabbi P 603 (mit Wankelmotor und Schrägheck) auf dem Reißbrett, aber das SED-Politbüro spielte nicht mit und ließ die Entwicklung stoppen. Eine verhängnisvolle Entscheidung, denn der DDR-Bürger lechzte nach nichts so sehr wie nach einem flotten Schlitten, mit dem er sich vor der Westverwandtschaft sehen lassen konnte. Der Tucker-Klassiker P 601 wurde zwar dreimillionenfach verkauft, aber nach dem Beitritt schnell gegen ein »richtiges« Auto eingewechselt.
Beim »neuartigen Einblick in die planwirtschaftlichen Mechanismen« wird nicht nur abqualifiziert (»grundverkehrte Struktur der DDR-Wirtschaft«), sondern auch gelobt: regionale Wirtschaftskreisläufe statt riesiger Transportwege; im Gesundheitswesen der verbindliche Impfkalender, das nationale Krebsregister; und es ging in den Betrieben kameradschaftlicher zu als heute.
Im ganzen besteht das Buch aus erfrischend kurzen Beiträgen, jeweils 3 bis 10 Seiten lang. Die numerierten Absätzen sind durch Marginalien und Stichwortverzeichnis gut erschlossen.
Herausgeber Thießen fuhrwerkte aber auch fleißig im Buch herum: etwa wenn die DDR-Leitungskader plötzlich als »Spitzenmanager« bezeichnet werden, »Arbeitnehmer in der DDR« auftauchen oder vom »Einfluß der Partei auf das Unternehmensgeschehen« die Rede ist. West- und Ost-Vokabular purzeln munter durcheinander.
Insbesondere wenn der Neu-Chemnitzer vom »Vollbeschäftigungsdogma« redet, hört man den »Sieger der Geschichte«, den effizienzversessenen Marktwirtschaftsfan - angesichts einer dramatisch hohen Arbeitslosigkeit in der Ex-DDR eine Verhöhnung. Im Arbeiter-und-Bauern-Staat herrschte permanent Arbeitskraftmangel: Frauen über 60 wurden daher oft gebeten weiterzuarbeiten, während sie heute oft schon unter 50 aufs Altenteil geschoben werden. Auch der Arbeitsplatzmangel ist ein Mangel.
Friedrich Thießen (Hg.): Zwischen Plan und Pleite. Erlebnisberichte aus der Arbeitswelt der DDR. Böhlau Verlag Köln Weimar, 342 S., br., ca. 20,50 EUR. Bestellen
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