Zwischen Traum und Mondlandschaft
VON FABIAN TWEDER
DDR-Alltagskultur war mehr als Trabi-Fahren und Rondo-Trinken. Natürlich gab es
Zeitgenossen, die beim Trabi-Fahren nur ans Rondo-Trinken, und beim Rondo-Trinken nur ans
Trabi-Fahren dachten. Aber dazu zählen die fünf DDR-Bürger, deren Leben im
Buch aufgeblättert wird, nicht.
Die Schriftstellerin Brigitte Reimann, die mit 22 aussah wie eine »orientalische Prinzessin
mit schwarzen Mandelaugen, über die sich Brauen wie die Mondsichel wölben«,
machte sich schon von Berufs wegen höhere Gedanken: über Stadtplanung und Architektur
jenseits stupider Plattenbauten beispielsweise oder das Prinzip »Sex ja, aber nur, wenn
Liebe im Spiel ist«. Ihr großer unvollendeter Roman
»Franziska Linkerhand«
erschien erst 1998 ungekürzt.
Beim Amateurfilmer Ernst Süß gipfelte das Utopische in einem selbstinszenierten
Indianerfilm mit ein bißchen Traum vom »Ursozialismus«. Als Kälteingenieur,
der weiß, warum es im Kühlschrank kalt wird, verwirklichte er technische
»Menschheitsträume« in Scharfensteiner Qualität.
Glanz und Glitzer, Welttourneen und Sensationen prägten das Leben der Eisbärdompteuse Ursula Böttcher. Als Angestellte des DDR-Staatszirkus bereiste sie Orte, die ein
Normalbürger nur mit dem Finger im Haack-Atlas kennenlernen durfte.
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Der Rockpoet Gerhard Gundermann wollte von seiner Hände Arbeit statt von Singsang leben und wurde Baggerfahrer im Lausitzer Tagebau. Im Cockpit vor einer schwarzen scheinwerferbeleuchteten Mondlandschaft wähnte er sich im Raumschiff Enterprise. Später begann er, den »Kampf des Aufhebens gegen das Wegwerfen« und »von Mitgefühl getragene Lebensstile« zu propagieren.
Frank Donszinsky, erst FDJ-Sekretär im VEB, dann Dozent einer SED-Bezirksparteischule, endete bei Rudolf Bahro und Don Quijote. Sein »Ideal vom Sozialisms als einer sozial gerechten und friedliebenden Ordnung« scheiterte im Alltag: an der »beschissenen Versorgungslage, schleichenden Preiserhöhungen und fehlenden Maschinenteilen«. »Lügen, Falschmeldungen und Beschönigungen« der offiziellen Medien hingen dem schwulen Apparatschik, der sich erst mit 29 outete, schließlich zum Halse heraus.
Die Kurzbiographien zeigen, warum die Gänsefüßchen-Republik 40 Jahre existieren konnte, dann aber urplötzlich implodierte. Dieses Phänomen auszuloten, darum ging es den Herausgeberinnen. Die hehren sozialistischen Ideale, so schreiben sie im Vorwort, erfüllten eine Doppelfunktion: Die SED-Führung benutzte sie, um die »Diktatur des Proletariats« mit all ihren Folgen bis hin zum »antifaschistischen Schutzwall« zu rechtfertigen. Kritiker wie Havemann und Harich beriefen sich hingegen auf sie, um den Sozialismus zu reformieren.
Auch Michael Brie steuerte für das Buch einen Beitrag bei: In seiner Analyse des 4. November 1989 geht er mit den Ost-Intellektuellen hart ins Gericht. Diese, von Christa Wolf bis Stefan Heym, hätten ihre privilegierte Rolle gern noch länger gespielt. Ihren Visionen fehlte jedoch der Alltag: Die DDR-Konsumgesellschaft konnte mit der des Westens nicht mithalten. Die Bedürfnisse wuchsen schneller als sie befriedigt werden konnten. Vertröstung auf morgen (»So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben«) nahm der »Mann auf der Straße« nicht mehr hin.
Das Buch erschließt sich kaum durch eiliges Durchblättern - schwierig für Fließband-Rezensenten, die nur Biographien von Ausreisenden oder Dissidenten gelten lassen und alles andere als »larmoyanten Romantizismus« abtun. Liest man aufmerksamer, erhält man manchen Denkanstoß und wird angeregt zum Weiterlesen, beispielsweise in Thomas Mores Utopia , wie das Alltagsleben einer idealen Gesellschaft aussehen sollte hätte würde könnte.
Nicht nur im Buchtitel taucht das allgegenwärtige »Kollektiv« auf. Bedenkt man, daß auch in der heutigen individualistischen Gesellschaft (Ich & Mein Magnum, Die ICH-Aktie) keineswegs Einzelkämpfer gefragt sind, sondern »Teamplayer«, fragt man sich unwillkürlich, was das Kollektiv ausmachte, wodurch es sich vom »Team« unterschied. Oder ist der Begriff nur ein diskreditiertes Synonym? Die Antwort liegt irgendwo zwischen dem Eintrag in einem damaligen Lexikon (»Gruppe von Menschen, die durch gemeinsame Verantwortung u. Anstrengungen, ständigen Austausch der Ansichten u. a. (progressive) Anforderungen u. Wertungen verbunden sind«) und den Definitionsversuchen von Wolfgang Engler (»Schnittpunkt zwischen Staat und Individuum, zwischen Macht und Alltags- bzw. Arbeitsleben«).
Utopie heute ist entweder wissenschaftlich-technisch (Genmanipulation) oder in Sparadies-Form als »Traumhaus, Traumauto, Traumreise« anzutreffen. Ein einfacheres, weniger verschwenderisches Leben ohne den letzten Tinnef, wie es der DDR-Bürger notgedrungen praktizierte, könnte aber wieder aktuell werden, wenn die Ressourcen aufgebraucht sind. Vielleicht zeigt sich dann, wozu es nütze ist, DDR-Alltagskultur zu dokumentieren - über das bloße Bewahren, was war, hinaus.
Franziska Becker, Ina Merkel, Simone Tippach-Schneider: Das Kollektiv bin ich. Utopie und Alltag in der DDR, 167 S., brosch., Böhlau Verlag Köln Weimar 2000, Bestellen
Die gleichnamige Ausstellung im Dokumentationszentrum
für DDR-Alltagskultur Eisenhüttenstadt war bis zum
28. August 2001 zu sehen.
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