Ostbücher > Schön nackt - Aktfotografie in der DDR
»Bis deren Schönheit dominiert«
VON FABIAN TWEDER
Ja, es gibt wirklich nichts zu rezensieren an so einem Buch mit DDR-Nackedeis. Nur ein paar Fragen tauchen auf - vor, bei und nach dem Durchblättern:
Wäre eine DDR in den 70er und 80er Jahren ganz ohne Aktbilder in Das Magazin, »Funzel«, »neues leben« denn überhaupt denkbar gewesen? Wäre der »Arbeiter-und-Bauern-Staat« ohne solche vereinzelten Freizügigkeiten nicht schon viel früher von viel mehr Leuten als unlebbar empfunden worden? Handelte es sich also, wie auch bei Camping, FKK, Sport, Pop-Musik, um überlebenswichtige Ventile, unverzichtbare Nischen für die Bürger? Hatte demnach Günther Anders recht, daß »Millionen von abgebildeten Nuditäten, Brüsten, Schenkeln und Geschlechtsakten« dem Establishment vor allem dazu dienen, »um die Beherrschten von politischer Opposition abzulenken und um ihnen zugleich Lust und das Gefühl von Avantgardismus zu schenken«? Warum aber spielten die DDR-Oberen diese Trumpfkarte dann so widerwillig aus? »Geschlechtsakte« blieben in der DDR ganz außen vor. Die staatlich zugelassene Erotik erwies sich gerade für Arbeiter und Bauern doch wohl als viel zu brav, viel zu subtil. Hätte eine florierende DDR-Porno-Industrie, »guter Geschmack« hin oder her, den »Dampf im Kessel« nicht sichtbar verringert, die Stasi teilweise überflüssig gemacht und vielleicht sogar harte Valuta eingespielt?
Ein paar Nummern kleinere Fragen: Wie stellten es Fotografen in der DDR eigentlich an, daß sich die Frauen so mir nichts dir nichts vor der Kamera entblätterten? »Das Modell Kerstin und der Fotograf arbeiteten damals im gleichen Betrieb«, verrät Wolfgang Hiob – war das eine typische Konstellation? Und wie ging das Modell Kerstin damit um, wenn es auf der Straße, in der Kaufhalle oder im Betrieb anhand der Fotos in irgendeiner Zeitschrift wiedererkannt wurde? Waren DDR-Frauen »zeigefreudiger«? War die DDR ein totaler Urwaldstaat - überall »Urwald« unter den Achseln und zwischen den Beinen? Gab es in der DDR auch schon Vermännlichungstendenzen bei manchen Frauen (breite Schultern, schmales Becken)? Wieviel Prozent der DDR-Bevölkerung schlief nackt (ohne Pyjama)?
Hätte man die eine Seite mit biographischen Daten je Fotograf nicht spannender füllen können? Wen interessiert schon, wer wann die Ehrennadel der Gesellschaft für Fotografie erhalten hat? Sind diese Texte als Bewerbung bei neuen Auftraggebern gedacht (»bildete sich zum Multi-Media-Designer weiter und arbeitete mit Bildbearbeitungs- und Layout-Programmen am Computer«)? Warum ist nur der Vorspann für Günter Gueffroy namentlich gekennzeichnet und enthält trotzdem Nullsätze wie: »seine Domäne ist die Fotografie«? »Mit einfühlsamen, der Damenwelt schmeichelnden Worten 'biegt' er sich die Frauen vor der Kamera so zurecht, bis deren Schönheit dominiert« - wie darf man sich das vorstellen? Und was dominierte sonst?
Hat Willi Sitte das Vorwort selber geschrieben oder sind nur die eingestreuten Antworten auf Fragen von ihm (»ein Frauenkörper ist nun mal aufregender und anregender«)? Warum ein Nachwort von Jutta Resch-Treuwerth, die doch als Partnerschaftsberaterin (Unter vier Augen) unterwegs war und ist? War kein Autor vom Fach, kein Fotograf zu schriftlichen Äußerungen zu bewegen? »Gesichtsausdruck und Körpersprache treten in den Vordergrund«, schreibt Resch-Treuwerth - aber was, wenn das Gesicht erst gar nicht zu erkennen ist, wie schon auf dem Umschlagfoto?
»Ein Aktfoto ist dann gut, wenn das Modell bedenkenlos seiner Veröffentlichung zustimmt und das Bild, auch nach vielen Jahren, beim Betrachter immer wieder Anerkennung findet«, bekennt Günter Rinnhofer. Warum nicht mehr solcher Statements von den Fotografen selber über die eigenen Werke? Und warum kein einziges Foto von Klaus Ender?
Schön nackt - Aktfotografie in der DDR, Verlag Das Neue Berlin 2009, 192 S., BestellenKommentieren